Studententeaching im Rehafachzentrum Bad Füssing
Von Hamburg bis Niederbayern: Zwölf Medizinstudierende, der chronische Rückenschmerz und minus 110 Grad
Ein Nachmittag über Wirbelsäulenuntersuchung, physikalische Therapie und Künstliche Intelligenz – geplant bis 17:15 Uhr, beendet um halb sieben
Bad Füssing, 7. Oktober 2026. Sie kamen aus dem gesamten Bundesgebiet, eine Teilnehmerin war aus Hamburg angereist: Zwölf Medizinstudierende aus dem fünften bis neunten Semester verbrachten den Dienstagnachmittag im Rehafachzentrum Bad Füssing. Auf dem Programm standen die klinische Untersuchung der Wirbelsäule, die Röntgenbefundung, die Ganzkörperkältetherapie in der Kältekammer des Hauses – eine in Deutschland seltene Form der physikalischen Therapie – und zum Abschluss die Künstliche Intelligenz. Vorgesehen war das Ende für 17:15 Uhr. Tatsächlich ging die Gruppe erst um 18:30 Uhr auseinander. Nicht, weil etwas nicht geklappt hätte, sondern weil die Fragen nicht ausgingen.
Gruppenbild vor der Kältekammer: die teachenden Ärzte Georg Laski, Dr. Markus Petermeier und Dr. med. Paul Schwanitz von Keitz, Kältekammer-Betreuer Hans Krenn sowie die Studierenden Hilal, Matthias, Jakob, Anna Magdalena, Elisa, Lina, Carolin, Clara, Linda, Frederike, Peter und Florentine. Drei Minuten bei minus 110 Grad – alle machten mit. Foto: Rehafachzentrum Bad Füssing
Ein roter Faden statt einzelner Handgriffe
Das Besondere an diesem Teaching war nicht die Zahl der Stationen, sondern dass sie alle am selben Faden hingen: dem chronischen Rückenschmerz. Dieses Krankheitsbild ist der Alltag einer orthopädisch-rheumatologischen Rehabilitationsklinik – und es ist gleichzeitig das Lehrbeispiel dafür, wie leitliniengestütztes Vorgehen funktioniert.
Die Studierenden arbeiteten deshalb nicht an drei voneinander unabhängigen Fertigkeiten, sondern an drei Schritten einer einzigen Kette: Zuerst die gezielte Anamnese und die klinische Untersuchung – Untersuchung der Halswirbelsäule bei Georg Laski, Untersuchung der Lendenwirbelsäule bei Dr. Markus Petermeier. Dabei ging es ausdrücklich auch darum, Warnhinweise zu erkennen, die ein anderes Vorgehen erfordern. Erst danach folgte die Frage, die in der Praxis am häufigsten zu früh beantwortet wird: Ist eine Bildgebung hier überhaupt indiziert – und was leistet sie, was die Untersuchung nicht schon geleistet hat? An der dritten Station, der Röntgenbefundung der Wirbelsäule bei Dr. med. Paul Schwanitz von Keitz, Stellvertretender Chefarzt und Leitender Oberarzt des Hauses, wurde daraus eine systematische Befundung – und die Rückübersetzung des Befundes in eine Therapieentscheidung, die beim chronischen Rückenschmerz eben nicht in Schonung, sondern in Aktivierung und einem multimodalen Konzept liegt.
Möglich wurde diese Tiefe durch den Betreuungsschlüssel: vier Studierende pro Arzt. Wer in einer Vierergruppe untersucht, schaut nicht zu, sondern tastet, befundet und begründet selbst – und bekommt auf jede Rückfrage eine Antwort, nicht nur auf jede dritte. Genau dieses persönliche Teaching wurde in der Abschlussrunde am häufigsten genannt, und es ist an Universitätskliniken in dieser Form kaum zu bekommen. Die Studierenden kamen fachlich gut vorbereitet, fragten beharrlich nach und arbeiteten auf einem Niveau, das die Teachenden ausdrücklich hervorhoben.
Minus 110 Grad – physikalische Therapie zum Anfassen
Zum multimodalen Konzept gehört die physikalische Therapie, und hier verfügt das Haus über ein Alleinstellungsmerkmal: die Kältekammer. In Dreiergruppen ging es für jeweils drei Minuten bei minus 110 Grad Celsius hinein – und sämtliche Studierenden machten mit, ohne Ausnahme.
Begleitet wurden sie von Hans Krenn, der die Kältekammer des Hauses seit zwanzig Jahren betreut. Er stand der Gruppe durchgehend Rede und Antwort: zu den Indikationen, zur Technik, zur praktischen Anwendung im Klinikalltag, zu Risiken und Chancen. Dazu kamen Erfahrungen aus zwei Jahrzehnten mit Patientinnen und Patienten, die so in keinem Lehrbuch stehen. Die Ganzkörperkältetherapie gehört bislang in kaum einem Curriculum zum Pflichtstoff – die Gruppe nahm sie als eine besondere Therapieform mehr im eigenen Wissensschatz mit. Dass dieser Teil des Nachmittags in der Abschlussrunde besonders hervorgehoben wurde, ist zu einem großen Teil sein Verdienst.
Und dann die Künstliche Intelligenz
Den Abschluss bildete ein Impulsvortrag zum wissenschaftlichen Prompting – also zu der Frage, wie man ein Sprachmodell so befragt, dass eine überprüfbare Antwort herauskommt, und wie man anschließend erkennt, ob sie trägt. Dass dieses Thema junge Medizinerinnen und Mediziner umtreibt, zeigte die Uhr: Vorgesehen war eine gute Stunde, tatsächlich diskutierte die Gruppe bis 18:30 Uhr weiter – über Quellenbindung in der Doktorarbeit, über Halluzinationen, über das, was niemals in einen Prompt gehört, und über die Frage, welche Fachkompetenz man sich selbst aufbauen muss, um KI-Ergebnisse überhaupt beurteilen zu können. Alle Teilnehmenden erhielten ein Handout mit Techniken, Suchbegriffen und Quellen zum Weiterlernen.
Persönlicher Empfang in der Ärztebibliothek: Thomas Steger, Kaufmännischer Direktor des Rehafachzentrums Bad Füssing, begrüßt die zwölf Medizinstudierenden zum Studententeaching in der Orthopädie. Foto: Rehafachzentrum Bad Füssing
Ein Nachmittag, der nachwirkt
Begrüßt worden waren die Gäste zu Beginn persönlich von Thomas Steger, Kaufmännischer Direktor des Hauses. Ermöglicht hat das Teaching Chefarzt Dr. Till Richter, der es ausdrücklich unterstützt, wegen einer auswärtigen Verpflichtung aber nicht selbst dabei sein konnte. Und getragen wurde der Tag von vielen Händen im Hintergrund: von Frau Eckerl aus dem Chefarztsekretariat, die ihn organisatorisch mit vorbereitet und begleitet hat, von Küche und Hauswirtschaft, von der Terminplanung, die Räume und Ressourcen freigehalten hat, und von jenen Kolleginnen und Kollegen, die ihre eigene Besprechung kurzerhand in einen anderen Raum verlegt haben, damit die Ärztebibliothek dem Kurs zur Verfügung stand. Ihnen allen gilt ein ausdrücklicher Dank – Gastfreundschaft im Klinikalltag ist Teamarbeit.
Zum Schluss gab es noch eine Überraschung: Auf Vermittlung des Rehafachzentrums hat die Therme 1 Bad Füssing die Gruppe zu einem Besuch eingeladen und übernimmt die Kosten dafür vollständig. Für diese Gastfreundschaft gilt dem Haus Therme 1 ein herzlicher Dank. Die Studierenden nehmen das Angebot am Donnerstag, 8. Oktober 2026, wahr – und erleben die Wirkung des Bad Füssinger Thermalheilwassers, über das sie am Nachmittag fachlich gesprochen hatten, damit einmal am eigenen Körper.
Den Rahmen für solche Tage schafft das Projekt LandArztMacher, initiiert von Dr. Wolfgang Blank, Hausarzt in Kirchberg im Wald. Das seit 2017 von der AOK Bayern geförderte Projekt bringt Medizinstudierende in sechs niederbayerische und oberpfälzische Landkreise – darunter Passau-Land – und verbindet praxisnahe Famulaturen und Blockpraktika mit gezielten Teachings durch erfahrene Mentorinnen und Mentoren. Rund 600 Studierende haben es bislang durchlaufen. Vor Ort getragen wird die Nachwuchsarbeit vom Ärztenetzwerk Nachwuchsförderung Passauer Land der Gesundheitsregionplus Passauer Land, in dem sich das Rehafachzentrum Bad Füssing seit Jahren engagiert.
Dass eine Studentin für diesen Nachmittag aus Hamburg nach Niederbayern reist, sagt über die Anziehungskraft solcher Formate mehr als jede Statistik. Das Studententeaching in der Orthopädie findet im Rehafachzentrum Bad Füssing seit 2023 zweimal jährlich statt – und nach diesem Dienstag steht fest: Es wird eine Fortsetzung geben.