9. Bad Füssinger Sportkongress - Ein Rückblick
Wenn der Olympiasieg im Behandlungszimmer beginnt
Es gibt Momente, da spürt man schon beim Betreten eines Raumes, dass heute etwas anders ist. Am vergangenen Samstag war das Foyer des Großen Kurhauses in Bad Füssing nicht einfach nur gut gefüllt – es platzte förmlich aus allen Nähten. Wo in den vergangenen Jahren noch vereinzelt Lücken in den Sitzreihen zu sehen waren, drängten sich diesmal Ärzte, Therapeuten und Sportwissenschaftler bis in die letzte Nische; in den Pausen gab es schlichtweg keine Stehplätze mehr. Der 9. Bad Füssinger Sportkongress hatte gerufen, und die Fachwelt kam in Scharen. Der Grund für diesen Ansturm war eine perfekte Symbiose aus medizinischer Fachexpertise und einem Mann, der weiß, wie man Gold schmiedet: Ruder-Olympiasieger Andreas Kuffner.
Als Kuffner nach der Begrüßung durch Schirmherr und Bürgermeister Tobias Kurz die Bühne betrat, war die Erwartungshaltung greifbar. Doch statt trockener Theorie lieferte der Goldmedaillengewinner von London 2012 ein emotionales Feuerwerk ab. Unter dem Titel „Stark im Kopf, stark im Leben“ nahm er das medizinische Fachpublikum mit in den legendären „Deutschlandachter“. Seine zentrale Frage – „Wie machen wir das Boot schneller?“ – wurde zum inoffiziellen Motto des gesamten Tages. Kuffner sprach nicht über Wattzahlen und Laktatwerte, sondern über die unsichtbaren Muskeln des Erfolgs: Resilienz, klare Kommunikation und die Fähigkeit, Rückschläge als Treibstoff zu nutzen. Die Begeisterung im Saal war nicht nur höflicher Applaus; es war ein kollektives Nicken. Denn was Kuffner aus dem Hochleistungssport berichtete, traf den Nerv der anwesenden Fachleute punktgenau: Auch im Klinikalltag geht es um Hochleistung unter Druck, um das Funktionieren im Team und darum, Patienten auch in schwierigen Phasen der Rehabilitation zu motivieren.
Dass dieser Kongress mehr war als ein reines Fortbildungsseminar, zeigte sich, als die wissenschaftliche Leitung das Zepter übernahm. In diesem Jahr trat wieder das starke Triumvirat der Bad Füssinger Rehakliniken an die Spitze: Chefarzt Dr. med. univ. Till Richter (Rehafachzentrum Standort Bad Füssing), Chefarzt Ulf Görner (Niederbayern Klinik) und Chefarzt Hubertus Winkler (Johannesbad Fachklinik). Die medizinische Analyse der „sportassoziierten Schulterpathologien“ wurde immer wieder mit dem Aspekt der mentalen Haltung verknüpft. Es wurde deutlich: Eine operative oder konservative Therapie der Schulter ist das Handwerk, aber die Einstellung des Patienten ist der Motor der Heilung.
Von der Theorie zur Praxis - Stick Mobility am Rehafachzentrum Bad Füssing - Passau
Das Fachprogramm bestach durch eine beeindruckende Tiefe. Den anatomischen Grundstein legte Ap. Prof. Priv.-Doz. Mag. Dr. Lena Hirtler, die das Schultergelenk als „prekäre Balance zwischen maximaler Bewegungsfreiheit und funktioneller Stabilität“ sezierte. Darauf aufbauend schlug Prof. Dr. rer. nat. Olaf Ueberschär die Brücke zur Biomechanik und zeigte faszinierende Zusammenhänge von Calisthenics bis zum Speerwurf auf. Im Spannungsfeld zwischen OP-Saal und Trainingsraum präsentierten Mathias Ritsch (operative Versorgung) und Volker Sutor (physiotherapeutische Diagnostik) ihre Ansätze. Hier zeigte sich die Stärke der interdisziplinären Leitung durch Winkler, Richter und Görner: Der Kongress bot keine isolierten Sichtweisen, sondern verzahnte Chirurgie und Rehabilitation so eng miteinander wie die Riemen eines Ruderachters.
Nach der Theorie folgte am Nachmittag die Praxis, und auch hier blieb der „Kuffner-Effekt“ spürbar – die Motivation war hoch, die Workshops restlos ausgebucht. Besonders dynamisch ging es beim „Stick Mobility“ zu, wo die Sporttherapeutinnen Katrin Nöhammer und Brigitte Prokaska zeigten, wie man Kraft und Flexibilität neu denkt. Ihre Übungen lieferten vielen Therapeuten frische Impulse für die Arbeit an der Schultermobilität. Währenddessen demonstrierte Konstantin Horst bei der „Schulterstabilisation im Sport“, wie eng physische Stabilität und Körperwahrnehmung verknüpft sind, und Caroline Steiger setzte mit ihrer Yogagruppe einen Fokus auf die oft unterschätzte Rolle der Entschleunigung im Heilungsprozesses. Im Rahmen des Workshops zur Kryotherapie unter der Leitung von Hans Krenn und Dr. Victoria Laski konnten die Teilnehmer sich nicht nur theoretisch zum Einsatz der Kältekammer als Behandlungsoption in Orthopädie und Rheumatologie sowie im Leistungssport informieren, sondern sich beim 3-minütigen Selbstversuch auch gleich selbst von der leistungssteigernden und regenerativen Wirkung überzeugen lassen. Weiterhin war der Workshop zur Sonographie der Schulter bei Oberarzt G. Laski im Rehafachzentrum, wie auch die anderen Workshops an den anderen beiden Kliniken, sehr stark besucht - fast überall wollten Fachleute noch "spontan" Teil der Workshops sein.
Als sich die Türen des Kurhauses am späten Nachmittag schlossen, sah man viele Gesichter, die nicht nur mit Fachwissen, sondern mit einer neuen Energie nach Hause gingen. Der 9. Bad Füssinger Sportkongress hat bewiesen, dass Medizin keine Einbahnstraße aus Diagnosen und Rezepten ist. Durch die kluge Integration von Andreas Kuffner und die breite Expertise der drei Kliniken ist den Veranstaltern ein Coup gelungen. „Das Boot ist heute definitiv schneller geworden“, resümierte ein Teilnehmer aus Passau im Hinausgehen. Man darf gespannt sein, wie dieser Schwung im nächsten Jahr getoppt werden soll – die Messlatte liegt nun auf olympischem Niveau.